Mo

22

Dez

2014

Traum und Sprache

Der Traum von Skanderbeg Mutter. Holzschnitt, Jörg Breu d. J. (1533)

Der Traum von Skanderbeg Mutter. Holzschnitt, Jörg Breu d. J. (1533)

Freuds Urentdeckung aus den 1890er Jahren, dass der Mensch von der Sprache gesprochen wird, löst auch innerhalb der Psychoanalyse immer wieder Debatten aus, inwieweit Sprache und Sprechen Einfluss auf das Denken, Träumen und Handeln haben. Wie kommt es, dass die Sprache den Menschen eine Ordnung gibt, ihn ebenso aber auch wie etwa beim Versprecher verwirren, zum Lachen und sogar zum Fallen bringen kann? Und nicht nur am Tage, sondern auch bei Nacht steuert die Sprache unsere Gedanken im Traum. Ungeachtet dessen, dass wir zumeist in Bildern träumen, kann uns ein Traum immer erst in Gestalt einer sprachlichen Mitteilung, eines Gesprächs oder einer schriftlichen Traumnotiz - eben als Text - zur Kenntnis gelangen und zum Gegenstand von Deutungen werden.

Natürlich hatte es vor Freud schon gute Ansätze zu einem Verständnis des Traumphänomens gegeben – Freud exzerpiert sie im ersten Kapitel von Die Traumdeutung (1900). Der Traum war zur Zeit der Aufklärung und danach nicht Gegenstand seriöser wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen. Freud stellte klar, dass der Traum nicht verstanden werden will, da er im Unterschied zum Witz kein soziales Ausdrucksmittel sei. Seine Funktion bestehe darin, den Schlaf des Träumers zu hüten, indem er ein Aufwecken als Folge von inneren oder äußeren Reizen zu vermeiden suche. Die inhaltliche Struktur von Träumen stelle dabei in der Regel einen sexuell konnotierten Wunsch als erfüllt dar - die Wunscherfüllungsthese aus Freuds Traumdeutung. Im Alptraum misslinge die Kompromissbildung des Traumes, sofern es der Traumarbeit hier nicht mehr gelinge, den störenden Reiz auf unbedenkliches Material zu verschieben oder anderweitig zu entstellen.

Im Traumbuch analysiert Freud vielfach seine eigenen Träume; seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen resultierte jedoch auch aus der Erfahrung mit seinen Patienten, die ihm in den analytischen Stunden ihre Träume erzählten. Der Traum bot sich ihm als Untersuchungsobjekt zumal auch an, weil er zeigt, dass ein Unbewusstes in Sinne gestaltauflösender Primärprozesse auch bei normalen Menschen besteht. Im wesentlichen sind es vier Dinge, die Freud in seinem Traumbuch anders handhabt als die Autoren vor ihm: 1.) Der Träumer deutet seinen Traum selbst - nicht der Traumdeuter. 2.) Der Traum ist nicht prophetisch, er bezieht sich auf die Vergangenheit des Träumers. 3.) Einen Traum deute man nicht als ganzes, sondern en detail. 4.) Zwischen manifestem Trauminhalt und latenten Traumgedanken gelte es zu unterscheiden.

Die Deutung betrifft insofern nur einen - wenngleich sehr zentralen - Aspekt von Freuds umfangreicher Untersuchung des Traumphänomens. In der Tat stellt die Frage, was Träume bedeuten mögen, die bis heute spannendste Frage dar. In den aktuell an der Hirnforschung ausgerichteten Debatten fließt dabei auch häufig die psychoanalytische Position mit ein. Derweil stehen Psychoanalyse und Hirnforschung in einem diametralen Verhältnis zueinander. Versucht die Hirnforschung anhand bildgebender Untersuchungs- und Darstellungsverfahren das Traumgeschehen in den Gehirnarealen zu lokalisieren, stellte die Psychoanalyse Freuds von Beginn an ein Gegenprogramm zur neuronalen Lokalisationstheorie dar. Indem Freud das Feld der Sprache in die Psychiatrie einfügt, reagiert er gerade auf den Mangel an Instrumenten der naturwissenschaftlich arbeitenden Medizin für ein Verständnis psychologischer Phänomene. MSG

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Mo

15

Dez

2014

Wer oder was deutet in der Psychoanalyse?

Wer sagt, wo es lang geht? Cover-Titel der Zeitschrift "The New Yorker" 2005.
Wer sagt, wo es lang geht? Cover-Titel der Zeitschrift "The New Yorker" 2005.

In bezug auf die psychoanalytische Erfahrung wird allgemein angenommen, der Analytiker bzw. die Analytikerin deute, was der Analysand sagt. Diese Vorstellung geht bisweilen in den Irrglauben über, Menschen seien für Analytiker durchschaubar wie Glas. Dabei sind Analytiker gewiss nicht schlauer als andere Menschen. Wer oder was deutet also dann in der analytischen Kur?


Zunächst gilt: Der Analysant macht die Arbeit. Analytiker hören zu und warten darauf, ob das Unbewusste im Sprechen des Analysanten hörbar wird – zum Beispiel in Gestalt eines Wortvergessens, eines Versprechers, eines plötzlichen Einfalls, eines Irrtums, einer stereotypen Wiederholung, eines nervösen Hustens oder Räusperns u.s.w. Diese Merkmale stellen nicht unmittelbar das Unbewusste dar; möglicherweise verweisen sie jedoch auf einen Mangel an Sinn, auf das Fehlen einer Antwort oder auf eine Unstimmigkeit im Selbstverstehen des Subjekts. Mit anderen Worten tut sich an diesen Stellen etwas auf, das bei hinreichender Neugier den Wunsch nach Sinnverstehen bzw. Deutungen aufkommen läßt. Dieses Sinnbedürfnis zu befriedigen, ist jedoch auch nicht der Zweck der Arbeit des Analytikers. Viel eher geht es darum, in diesem Differenzgeschehen gemeinsam die Dynamik des Unbewussten erfahrbar werden zu lassen.


Für Freud hieß das Deuten eines Traums zunächst einmal „seinen ‚Sinn‘ angeben, [...] ihn durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in der Verkettung unserer seelischen Aktionen einfügt“ (Freud 1900a, S. 100). Nicht von ungefähr setzte Freud im Zitat das Wort Sinn in Anführungszeichen. Denn es ist nicht gesagt, dass eine psychoanalytische Deutung zu einem befriedigenden Sinn führen muss. Vielmehr stellt sie einen Übersetzungsvorgang dar. In einer später eingefügten Stelle der Traumdeutung nennt Freud vier mögliche Arten des Deutens: Es sei im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements „zweifelhaft“, ob es als Gegensatz, als Ersatz für das Gedächtnis (Reminiszenz), symbolisch oder nach dem Wortlaut genommen werden solle.


Die Diskussion um die Frage der Deutung begleitet die Psychoanalyse seit ihrer Entstehung ausgehend von Freuds Beschäftigung mit der Hysterie und dem Traumphänomen. Noch in den 1920er Jahren erkannten Freud und seine Schüler, dass eine naive Handhabung der Symbolik dem Umgang mit dem Unbewussten in der Analyse nicht gerecht wird. Die Deutung nach dem Wortlaut, die Freud in der Traumdeutung als vierte Deutungsart anführt und die bereits in den Anfängen der Psychoanalyse in Studien über Hysterie (1895) zentral wurde, erfuhr eine intensive theoretische und praktische Ausarbeitung in der linguistisch orientierten Schulbildung der Psychoanalyse. Zugespitzt vertrat Jacques-Alain Miller (1995) die These, die Deutung sei tot, da nur das Unbewusste deute – und nicht der Analytiker. Auch Bruce Fink (2010) argumentiert gegen die Deutung, sofern das Ziel in der analytischen Kur nicht die Beherrschung des Unbewussten durch Bedeutungszuschreibungen sei, sondern die Veränderung als Wirkungserfolg des aufmerksamen Zuhörens durch den Analytiker und des freien Sprechens des Analysanten. Franz Kaltenbeck nennt derweil fünf Gründe, die eine Deutung durch den Analytiker als bisweilen ratsam erscheinen lassen: Die Undurchsichtigkeit des Symptoms, das Genießen der Kastration, die Täuschung des Unbewussten, der Einwand gegen den Diskurs der Meisterschaft und die Nichtkommunikation von lalange – nachzulesen in seinem Buch Lesen mit Lacan (2013).


Die Frage, wer oder was in der Psychoanalyse deutet, betrifft im Kern jene andere Frage nach dem Wissen, welches im Traum, in der Fehlhandlung, im Symptom bzw. im Sprechen eines Individuums enthalten ist. Die analytische Praxis nimmt sich vor, sich bei der Betrachtung dieser signifikanten Ausdrucksweisen von dem Signifikathörenwollen zu lösen; sie avisiert ein Verständnis für die Umwandlungen, die teils über lange und verschlungene Wege zu dem jeweiligen Ausdruck geführt haben. Die psychoanalytische Kur zielt insofern auf ein Prozessverstehen unbewusster Sinnentstellungen ab. Sie fokussiert u.a. die Rolle des Anderen für das Subjekt, da der Mensch aufgrund der Vorzeitigkeit seiner Geburt für die Genese seiner Psyche von Anbeginn auf die Hilfe des Nebenmenschen angewiesen ist. Mit der Geburt ersetzt die Kultur die zum Überleben unzureichende Naturausstattung des Menschen mit weitreichenden Folgen für dessen Fortentwicklung. Freuds Triebbegriff reflektiert diesen Zustand auf der Schwelle von Natur und Kultur, Soma und Psyche. Mit Blick auf die Frage der Deutung vermied Freud eine Ontologisierung der Triebe, weil er erkannte, dass man Triebwahrnehmungen nur in ihren Repräsentationen erhält.


Triebe haben etwas mit dem psychischen Realen zu tun, sofern der Mensch vom Trieb nicht ‘Pause machen’ kann. Freud sprach diesbezüglich von der Arbeitsanforderung des Körpers an die Seele. Dieser zentrale Punkt wird bei den Bestrebungen in der Schulpsychologie einer Stärkung des Ichs in Richtung auf Autonomie ausgeblendet. Für die Psychoanalyse und ihre Deutungsverfahren wurde demgegenüber wichtig zu verstehen, inwiefern Triebe die gewohnten Bezeichnungen und Repräsentationen außer Kraft setzen und auf diese Weise sinnentstellend wirken. In der analytischen Kur geht es daher auch darum, mit der Materialität der Repräsentationen zu arbeiten, zu spielen oder auch zu rechnen – um neue Zuordnungen herzustellen. In dieser Sichtweise ist das psychoanalytische Verfahren kein hermeneutisches. MSG

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Mo

15

Dez

2014

Wer oder was deutet in der Psychoanalyse?

Wer sagt, wo es lang geht? Cover-Titel der Zeitschrift "The New Yorker" 2005.
Wer sagt, wo es lang geht? Cover-Titel der Zeitschrift "The New Yorker" 2005.

In bezug auf die psychoanalytische Erfahrung wird allgemein angenommen, der Analytiker bzw. die Analytikerin deute, was der Analysand sagt. Diese Vorstellung geht bisweilen in den Irrglauben über, Menschen seien für Analytiker durchschaubar wie Glas. Dabei sind Analytiker gewiss nicht schlauer als andere Menschen. Wer oder was deutet also dann in der analytischen Kur?


Zunächst gilt: Der Analysant macht die Arbeit. Analytiker hören zu und warten darauf, ob das Unbewusste im Sprechen des Analysanten hörbar wird – zum Beispiel in Gestalt eines Wortvergessens, eines Versprechers, eines plötzlichen Einfalls, eines Irrtums, einer stereotypen Wiederholung, eines nervösen Hustens oder Räusperns u.s.w. Diese Merkmale stellen nicht unmittelbar das Unbewusste dar; möglicherweise verweisen sie jedoch auf einen Mangel an Sinn, auf das Fehlen einer Antwort oder auf eine Unstimmigkeit im Selbstverstehen des Subjekts. Mit anderen Worten tut sich an diesen Stellen etwas auf, das bei hinreichender Neugier den Wunsch nach Sinnverstehen bzw. Deutungen aufkommen läßt. Dieses Sinnbedürfnis zu befriedigen, ist jedoch auch nicht der Zweck der Arbeit des Analytikers. Viel eher geht es darum, in diesem Differenzgeschehen gemeinsam die Dynamik des Unbewussten erfahrbar werden zu lassen.


Für Freud hieß das Deuten eines Traums zunächst einmal „seinen ‚Sinn‘ angeben, [...] ihn durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in der Verkettung unserer seelischen Aktionen einfügt“ (Freud 1900a, S. 100). Nicht von ungefähr setzte Freud im Zitat das Wort Sinn in Anführungszeichen. Denn es ist nicht gesagt, dass eine psychoanalytische Deutung zu einem befriedigenden Sinn führen muss. Vielmehr stellt sie einen Übersetzungsvorgang dar. In einer später eingefügten Stelle der Traumdeutung nennt Freud vier mögliche Arten des Deutens: Es sei im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements „zweifelhaft“, ob es als Gegensatz, als Ersatz für das Gedächtnis (Reminiszenz), symbolisch oder nach dem Wortlaut genommen werden solle.


Die Diskussion um die Frage der Deutung begleitet die Psychoanalyse seit ihrer Entstehung ausgehend von Freuds Beschäftigung mit der Hysterie und dem Traumphänomen. Noch in den 1920er Jahren erkannten Freud und seine Schüler, dass eine naive Handhabung der Symbolik dem Umgang mit dem Unbewussten in der Analyse nicht gerecht wird. Die Deutung nach dem Wortlaut, die Freud in der Traumdeutung als vierte Deutungsart anführt und die bereits in den Anfängen der Psychoanalyse in Studien über Hysterie (1895) zentral wurde, erfuhr eine intensive theoretische und praktische Ausarbeitung in der linguistisch orientierten Schulbildung der Psychoanalyse. Zugespitzt vertrat Jacques-Alain Miller (1995) die These, die Deutung sei tot, da nur das Unbewusste deute – und nicht der Analytiker. Auch Bruce Fink (2010) argumentiert gegen die Deutung, sofern das Ziel in der analytischen Kur nicht die Beherrschung des Unbewussten durch Bedeutungszuschreibungen sei, sondern die Veränderung als Wirkungserfolg des aufmerksamen Zuhörens durch den Analytiker und des freien Sprechens des Analysanten. Franz Kaltenbeck nennt derweil fünf Gründe, die eine Deutung durch den Analytiker als bisweilen ratsam erscheinen lassen: Die Undurchsichtigkeit des Symptoms, das Genießen der Kastration, die Täuschung des Unbewussten, der Einwand gegen den Diskurs der Meisterschaft und die Nichtkommunikation von lalange – nachzulesen in seinem Buch Lesen mit Lacan (2013).


Die Frage, wer oder was in der Psychoanalyse deutet, betrifft im Kern jene andere Frage nach dem Wissen, welches im Traum, in der Fehlhandlung, im Symptom bzw. im Sprechen eines Individuums enthalten ist. Die analytische Praxis nimmt sich vor, sich bei der Betrachtung dieser signifikanten Ausdrucksweisen von dem Signifikathörenwollen zu lösen; sie avisiert ein Verständnis für die Umwandlungen, die teils über lange und verschlungene Wege zu dem jeweiligen Ausdruck geführt haben. Die psychoanalytische Kur zielt insofern auf ein Prozessverstehen unbewusster Sinnentstellungen ab. Sie fokussiert u.a. die Rolle des Anderen für das Subjekt, da der Mensch aufgrund der Vorzeitigkeit seiner Geburt für die Genese seiner Psyche von Anbeginn auf die Hilfe des Nebenmenschen angewiesen ist. Mit der Geburt ersetzt die Kultur die zum Überleben unzureichende Naturausstattung des Menschen mit weitreichenden Folgen für dessen Fortentwicklung. Freuds Triebbegriff reflektiert diesen Zustand auf der Schwelle von Natur und Kultur, Soma und Psyche. Mit Blick auf die Frage der Deutung vermied Freud eine Ontologisierung der Triebe, weil er erkannte, dass man Triebwahrnehmungen nur in ihren Repräsentationen erhält.


Triebe haben etwas mit dem psychischen Realen zu tun, sofern der Mensch vom Trieb nicht ‘Pause machen’ kann. Freud sprach diesbezüglich von der Arbeitsanforderung des Körpers an die Seele. Dieser zentrale Punkt wird bei den Bestrebungen in der Schulpsychologie einer Stärkung des Ichs in Richtung auf Autonomie ausgeblendet. Für die Psychoanalyse und ihre Deutungsverfahren wurde demgegenüber wichtig zu verstehen, inwiefern Triebe die gewohnten Bezeichnungen und Repräsentationen außer Kraft setzen und auf diese Weise sinnentstellend wirken. In der analytischen Kur geht es daher auch darum, mit der Materialität der Repräsentationen zu arbeiten, zu spielen oder auch zu rechnen – um neue Zuordnungen herzustellen. In dieser Sichtweise ist das psychoanalytische Verfahren kein hermeneutisches. MSG

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