Mo

02

Feb

2015

Neurowissenschaften – Chance oder Risiko für die Psychoanalyse?

„Wir operieren stets mit einem großen X.“ (Freud in Jenseits des Lustprinzips) Bild: "My simple brain model"/brewbooks/flickr

Freuds Konversionskonzept kann als ein Übersetzungsvorgang zwischen psychischen und physischen Vorgängen betrachtet werden, dem die Sprache als formgebende Struktur zugrundeliegt. Die Begeisterung für die Neurowissenschaften auch in Reihen der Psychoanalyse stößt indes vielfach auf Kritik, weil die Frage des Sprachlichen, der Bedeutung der sprachlichen Vermittlung, nicht ausreichend reflektiert wird.


Während die Hirnforschung auf der Basis bildgebender Verfahren argumentiert, leben die Fallgeschichten der Psychoanalytiker von der Rede ihrer Analysanden. Eine Psychoanalyse, die ihre Erkenntnisrichtung an technische Verfahren wie das Neuroimaging (Müller-Lissner, F.A.Z. vom 2. Dezember 2008) bindet, verliert ihre konstitutionelle Nähe zu Sprache und Poesie aus dem Blick.

Ist es möglich, dem Gehirn beim Denken zusehen? Mit modernen technischen Verfahren lassen sich neuronale und strukturelle Veränderungen zum Beispiel bei chronisch depressiven Patienten während einer psychoanalytisch-psychotherapeutischen Therapie messen. Untersuchungen mit Computertomographen (fNMRT) erlauben also in der Tat, das Gehirn und seine Teile zu kartographieren und funktionelle Aussagen über das Zusammenwirken von Therapie und Hirntätigkeit zu machen. Insbesondere die Verbesserung der Bildgebung mit Hilfe magnetischer Resonanzphänomene hat die neuronale Funktionsdiagnostik und deren Möglichkeiten erweitert.

Von kulturwissenschaftlicher Seite ist dem jedoch zu entgegnen, dass das Gehirn weder denkt, noch fühlt, phantasiert, assoziiert, träumt oder sein Gegenüber spiegelt: Es ist der Mensch, der denkt, fühlt, phantasiert, träumt u.s.w. Was beim Menschen zu Empfindungen wie Freud, Leid, Glück oder Wut führt, hat mit Erfahrung zu tun und mit nachgeordneten Differenzierungen innerhalb der sprachlich verfassten Wertemuster einer Kulturordnung.


Der Nutzen lokalisierbarer Hirnaktivitäten in den unterschiedlichsten psychischen Zuständen und Stadien anhand bildgebender Verfahren erscheint vor dem Hintergrund dieser Tatsache auf rein quantitative und lokalisationistische Aussagen beschränkt. Wir wissen heute genau, wo die primäre Verarbeitung der optischen Signale in der Hirnrinde erfolgt – in der Area 17. Das wussten wir aber auch schon vor 150 Jahren. Dieses Wissen ist indessen ein deskriptives, sofern es dabei bleibt, den verschiedenen Hirnregionen bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben.

Überdies gründet das Wissen der Hirnforschung auf einem metaphorischen Sprachgebrauch. Nicole Becker (2006, S. 213) hat in ihrem Buch Die neurowissenschaftliche Herausforderung der Pädagogik darauf hingewiesen, dass Neurowissenschaftler in ihrer Rede von „Netzen“ und „Zentren“, die miteinander kommunizieren, mit Hilfe von Metaphern zwei kategorial verschiedene, miteinander absolut inkompatible Beschreibungsebenen und Erkenntnisgegenstände miteinander verbinden und kompatibel machen. Das Problem ist hierbei nicht etwa der Gebrauch von Metaphern in der Wissenschaft, sondern die erkenntnis- und wissenstheoretische Naivität, mit der diese für Begriffe gehalten werden.

Noch als Neurologe hat Freud frühzeitig – beginnend mit der Aphasie-Studie aus dem Jahr 1891 – gegen die Lokalisation, d.h. gegen eine topische Verortung von neurologischen Vorgängen, argumentiert und eine funktionsgemäße Sichtweise der beteiligten Hirnareale in den Vordergrund gestellt. Diese Akzentverschiebung vom Ontischen zum Prozesshaften ist eine für Freud und die Psychoanalyse charakteristische Denkbewegung: Noch in der Preisgabe der Archäologie-Metapher 1937 setzt sich diese Entdeckungslogik des Freudschen Denkstils durch, die zu keinem Zeitpunkt im Schematismus einer Abbildlogik aufgehen möchte. Leider geht die Neuropsychoanalyse epistemologisch hierhinter zurück und bringt sich und die Psychoanalyse in Gefahr, Übertragungsphänomene konkretistisch für die Wirklichkeit zu halten. Dann kommunizieren Zentren wirklich, fühlen, sprechen, denken u.s.w.

Man kann auch von Sabina Spielrein lernen, die eine phylogenetische Ebene hineinbringt, indem sie zeigt, wie Gedächtnis rhythmisierend erinnerbar gemacht werden kann. Dies ist eine andere Qualität von Erklärung, als sie die Biologie anbieten kann.

Der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth behauptet, mit bildgebenden Verfahren „tief in die unbewussten Schichten des Seelischen schauen“ zu können. Ist damit dasselbe Unbewusste gemeint, das Freud auf den rund 6000 Seiten seines Werks ausarbeitet, ohne jemals eine Begriffsdefinition zu geben? Ludwig Haesler kritisiert daher auch die missverständliche Begriffsverwendung bei Roth, sofern der Terminus des Unbewussten dort ohne Freuds Konzeptualisierung des dynamischen Unbewussten – bloß deskriptiv – verwendet wird.

Welche Gründe gibt es dann aber für einen Dialog zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaften, wie er etwa von dem Gedächtnisforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel geführt wird? Eventuell sind es eher wissenschaftspolitische als wissenschaftliche Motive, die bei Psychoanalytikern die Leidenschaft für eine Neuropsychoanalyse wecken. Die Verbindung zur modernen Hirnforschung, so die Erwartung, könne der Psychoanalyse ein Ticket zum Zug der heutigen Wissenschaften verschaffen, den Freuds Erben verpasst zu haben glauben.


Der verständliche Wunsch, als Teil des etablierten Wissenschaftsbetriebs anerkannt zu sein, verdeckt indes die wichtigere Frage, ob die psychologische Wissenschaft der Naturwissenschaft zu folgen habe? Es geht nicht darum zu klären, ob die Psychoanalyse eine Wissenschaft sein kann oder nicht, sondern um die viel allgemeinere Frage, was Wissenschaft überhaupt sei. Eine grundlegende wissenschaftstheoretische Frage, der sich die Psychoanalyse stellen muss, d.h. wo sie sich verorten muss. Das hat Freud oft genug offengelassen, immerhin stand der ja mit einem halben Bein im Positivismus des 19. Jahrhundert.

Vieles spricht demnach dafür, dass der erkenntnistheoretische Nutzen der modernen Neuro-Verfahren für die Psychoanalyse überschaubar bleibt. Das Denken auch unter Psychoanalytikern sollte sich im Einflussbereich der bildgebenden Verfahren davor bewahren, dem Wunsch nach einer „Ursprungslösung“ nachzugeben. Denn Bilder suggerieren Abbildidentität, sofern sich dem Betrachter die Evidenz des Visuellen zunächst leicht erschließt. Ein Irrtum, der indes auch auf das Sprachverstehen übergreift, wenn es als eine Entsprechung von Wort und Sache aufgefasst würde. In dieser Tendenz ginge der Psychoanalyse ihr wichtigstes Instrument abhanden – die Übertragung. MSG/LH

mehr lesen 0 Kommentare

Mo

26

Jan

2015

Neurosenpoetologie

Rote Rosen gelten als das Symbol der Liebe. Neurosen haben indes eine Beziehung zu sexuellen Wunschregungen aus dem Infantilen. Bild: Marco Verch/flickr. "Rosen am Wiener Naschmarkt"

Freuds Wende vom Naturwissenschaftler zum Psychotherapeuten ging einher mit der Verschiebung des Fokus von der Anatomie zur Sprache. Die Leidenssymptome der Hysteriker – Schmerzen, Lähmungserscheinungen, Stottern, Halluzinationen u.v.m. – erwiesen sich als nicht unmittelbar organisch bedingt, sondern als eine Funktionalisierung des Körpers durch die Psyche auf der Basis sprachlicher Verknüpfungen.


Freud beobachtete bereits zu Beginn der 1890er Jahre, dass Redewendungen wie der sprichwörtliche Schlag ins Gesicht bei Beleidigungen oder die Rede vom richtigen Auftreten in Gesellschaft der Funktionsweise der Hysterie entgegenkommen, sofern sie den sprachlichen Ausdruck nurmehr in einen körperlichen übertragen muss. So wurde beispielsweise plausibel, wie die Gesichtslähmung einer Patientin zustandekam bzw., allgemein gesprochen, wie der Körper zum Ausdruck für seelische Konflikte und Ängste werden kann.

In der Falldarstellung Katharina schreibt Freud einen geradezu novellenartigen Stil; es ist die Geschichte einer Zufallsbegegnung mit einer jungen Frau in den Hohen Tauern, wo Freud hingefahren ist, um vor der Stadt und der Arbeit in seiner neurologischen Praxis zu entfliehen. In Freud den Herrn Doktor aus dem Gästebuch erkennend, schildert sie ihm ihr Leiden, Halluzinationen, unerklärlichen Schwindel und Erbrechen, und hofft auf eine Lösung. Abweichend von seiner sonstigen Praxis nimmt sich Freud der Sache im einfachen Gespräch an. „Das wußte ich auch nicht“, schreibt er später eingedenk Katharinas Frage nach der Bedeutung ihrer Symptome und ergänzt: „Aber ich forderte sie auf, weiter zu erzählen, was ihr einfiele, in der sicheren Erwartung, es werde ihr gerade das einfallen, was ich zur Aufklärung des Falles brauchte“ (Freud 1895d, S. 189).

Die literarische Form zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sie ihre Figuren nicht vorinterpretiert – denn das ist die Aufgabe des Lesers. Demgegenüber tendieren summarische Symptomtaxonomien, wie sie in der Psychatrie der 1890er Jahre bereits üblich waren, dazu, die in ihnen zusammengetragenen Erscheinungsformen pathologischer Symptome am Patienten zur Anwendung zu bringen. Diese Gegenüberstellung von Narrativ und Taxonomie soll nur verdeutlichen, dass die Wahl der Form der nachträglichen Verschriftlichung eines Falls auch Einfluss auf die Art des Nachdenkens über Patienten und ihre Mitteilungen hat. In dem Freud-Zitat wird derweil die Differenz zwischen Beschreibungssprache und Objektsprache deutlich sowie die Besonderheit von Psychoanalyse, sich an die Objektsprache rückzubinden und diese zum Ausgangspunkt für weitere Überlegungen zu machen.

Die rätselhaften Körpersemiologien der Hysteriker ließen sich in der psychoanalytischen Kur lösen, sobald der unbewusste Zusammenhang mit den verursachenden Faktoren wiederhergestellt war. Vorstellungen spielten dabei eine wichtige Rolle, sofern Freud erkannt hatte, dass es Unverträglichkeiten im Vorstellungsleben waren, an denen seine Patienten litten und erkrankten. Die Einsicht in diesen Hergang bewirkte die Abkehr Freuds von der physiologischen Kausalität zu einer kommunikativen Hermeneutik, die die Rede des Patienten zum vorrangigen Material einer psychischen Analyse macht. Damit eröffnete Freud der Psychiatrie zugleich das Feld der Sprache und ihres unerschöpflichen interpretativen Desiderats.

Das Ziel der Psychoanalyse sind Wissensbestände, deren Erreichung deswegen so schwer ist, weil sich starke Widerstände dagegenstemmen. Selten lässt sich das Wissen direkt erreichen, meist nur auf Umwegen über Phantasien. Im Manuskript L zum Entwurf einer Psychologie (1895) bezeichnet Freud Phantasien als „psychische Vorbauten, die aufgeführt werden, um den Zugang zu den Erinnerungen zu sperren“. Weiter heißt es dort: „Die Phantasien dienen gleichzeitig der Tendenz, die Erinnerungen zu verfeinern, zu sublimieren. Sie sind hergestellt mittels der Dinge, die gehört werden und nachträglich verwertet, und kombinieren so Erlebtes und Gehörtes, Vergangenes (aus der Geschichte der Eltern und Voreltern) mit Selbstgesehenem. Sie verhalten sich zum Gehörten wie die Träume zum Gesehenem. Im Traum hört man ja nichts, sondern sieht.“ (Kursiv. i.O.)


Freuds erkenntnistheoretischer Schritt bestand darin, Sprache und Sprechen für Rückschlüsse auf Phänomene in einer Weise zu nutzen, welche damals undenkbar erschien und es mitunter auch heute noch ist. Dessen ungeachtet hatte das sprachliche Verfahren keinen definitiven Abschied von der Physiologie zur Folge, sofern Freuds Triebbegriff das Körperliche mit dem Seelischen wie eine Klammer verbindet. Freud zog überdies in Erwägung, ob die nunmehr hermeneutisch und semiotisch interpretierbaren Phänomene sich nicht eines Tages wieder im Rahmen einer noch nicht absehbaren Neuropsychologie reformulieren lassen würden. MSG

mehr lesen 0 Kommentare

Mo

08

Dez

2014

Kann man das Werden des Psychoanalytikers durch Vorschriften regeln?

Freud um 1914
Freud um 1914

Freud um 191413 Jahre nach der Initialisierung des Wunschparadigmas mit dem Erscheinen der "Traumdeutung" im Jahr 1900 bekennt Freud gegenüber dem Pfarrer Oskar Pfister, dass die Mehrzahl der Ärzte für die Ausübung der Psychoanalyse nicht ausgerüstet sei und in ihrer Würdigung völlig versage. Was es braucht, sei psychologische Vorbildung und einen freien menschlichen Blick. Im Analysieren, so könnte man resümieren, komme es vor allem auf Herzensbildung und Menschenverstand an.

Wer heutzutage Psychoanalysen nach Freud anbietet, sieht sich nicht selten der Frage gegenüber, ob er oder sie Mediziner sei. Zumindest ein Studium der Psychologie wird erwartet. Doch anstatt ein Diplom oder Ausbildungsinstitut zu zitieren, wäre die einzig richtige Antwort: Nichts davon und alles zugleich. Ausgangspunkt Freuds in der Selbstbegründungsphase der Psychoanalyse war ja gerade dessen Unzufriedenheit mit dem fehlenden Verständnis der Medizin für psychische Phänomene. Seither intendiert Psychoanalyse ein Abweichen von dem, was ohnehin immer schon gilt, war und ist. Anders gesagt, stellt sich Psychoanalyse als Praxis fortwährend die Aufgabe, die Beziehung zwischen Objekt und Wissen anders zu denken. Welcher Fachbereich würde dem genügen?

Psychoanalyse nimmt es mit der Universalität des Wissens auf. Sofern gibt es keinen überzeugenden Grund, irgendeine Disziplin vom Zugang zum Beruf des Analytikers fernzuhalten. Ein einzelnes Diplom trüge nur einen Teil des Wissens bei, das zum Verständnis der vielfältigen Beziehungen zwischen Objekt und Wissen erforderlich wäre. Mit Blick auf die Ausbildung zum Analytiker geht es insofern nicht um die Vermittlung eines spezifischen Fachwissens oder Methodenkanons, sondern um die Einübung in den Umgang mit Wissensprozessen, die ihre Bezugspunkte im Unbewussten haben. Dabei ist das Medium des Unbewussten das Sprechen. Denn das neue Feld, das Freud in die Psychiatrie eingefügt hat, ist das der Sprache. Analytiker sind geübt darin, das Sprechen ihrer Analysanten zu stützen; und sie hören ihnen in der Gewissheit zu, dass sie stets mehr sagen, als sie wissen. Es wäre naiv zu glauben, dies sei bloß eine Sache von Fragetechniken.

Manche Ausbildungsinstitute verlangen von werdenden Analytikern eine Lehranalyse von bis zu 700 Stunden. Andere Institute fordern sogar 1000 Stunden. Als wäre damit eine Garantie für die Qualität der Arbeit eines zukünftigen Analytikers gegeben. Nicht jedermanns Jahre auf der Couch sind Lehrjahre in Richtung auf das analytische Arbeiten mit Analysanten. Otto Sachs erklärte, keine wesentlichen Unterschiede zwischen Lehranalysen und therapeutischen Analysen gefunden zu haben. Im Zentrum der Ausbildung steht ohne Zweifel die Eigenanalyse. Doch erscheint heutzutage das staatlich garantierte Zertifikat von größerer Bedeutung, und Aspiranten bezahlen den anerkannten Instituten und ihren Ausbildern viel Geld für einen Meisterbrief. Niemand spricht dann noch aus, was mit Blick auf den Diskurs der Analyse gesagt werden müsste: Das Interesse der Analysanten wird nicht durch Zertifikate gewahrt. Sondern durch die Wahl eines geeigneten Analytikers.

Die Laienanalyse ist eine Öffnung zur Wissenschaft. Sie läuft über die Linguistik, die Sprachgeschichte, Literatur- und Kunstgeschichte, die Kulturwissenschaft – und nicht, wie Jones meinte, über die Medizin. Gewiss ist es nicht verkehrt, über das Wissen der Medizin zu verfügen, wenn man analytisch arbeitet. Ebenso wenig verkehrt ist es jedoch, über des Wissen von Philologie, Kunstgeschichte, Theologie, Literaturwissenschaften und Biologie zu verfügen. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, weshalb Freud in "Zur Frage der Laienanalyse" (1926) eine Volluniversität vorschlägt. Im Kern wird dabei deutlich, dass es im Geschehen der psychoanalytischen Arbeit gar nicht um den Einsatz oder Umgang mit einem bestimmten Fachwissen geht. Analysieren hat viel weniger mit positivem Wissen zu tun als mit Nichtwissen. Eingedenk dieser Tatsache richtet sich Kritik gegen den Glauben, das Handwerk des Analysierens ließe sich im Rahmen einer institutionalisierten oder stattlich zertifizierten Ausbildung akkumulieren und in standardisierten Prüfungen abfragen. Das analytische Können basiert auf vielen Dingen, die schlechterdings in Lehrformeln aufgehen. Vermutlich aus diesem Grund verfasste Freud nie ein methodisches Lehrbuch, während sich zahlreiche klinische Erfahrungen und Überlegungen auf sein gesamtes Werk verteilen.

Wer an die Tür einer Analytikerin oder eines Analytikers klopft, hat oftmals schon viel unternommen, um ein seelisches Leiden loszuwerden. Freud vergleicht die Einleitung der psychoanalytischen Behandlung mit dem Schachspiel: Wer es „aus Büchern erlernen will, der wird bald erfahren, dass nur die Eröffnungen und Endspiele eine erschöpfende systematische Darstellung gestatten, während die unübersehbare Mannigfaltigkeit der nach der Eröffnung beginnenden Spiele sich einer solchen versagt“ (Freud 1913c). Ungeachtet dessen wird die unübersehbare Mannigfaltigkeit der analytischen Arbeit von einem individuellen Begehren getragen, das sich als Übertragung bemerkbar macht. Das Begehren ist wechselseitig, sofern der Analysant etwas begehrt, und der Analytiker ebenfalls. Was eigentlich begehrt wird, ist die ewige Frage, mit der man in der „Behandlung“ umzugehen versucht. Sich möglichen Antworten anzunähern, eine Sprache dafür zu finden, was Objekt und Bedeutung des Begehrens sei, ist die analytische Kärrnerarbeit des Analysanten. Der Analytiker stellt sich ihm als Objekt des Begehrens zur Verfügung und sorgt dafür, dass dieses ihn den Karren der analytischen Arbeit ziehen lässt.

Der Analytiker begehrt seinerseits so etwas wie die Gnade des Analysanten, dafür dass er sein Vertrauen erhält und mit ihm den analytischen Weg geht. Aus dieser Sicht der psychoanalytischen Arbeit wird klar, dass man sie nur schwerlich lehren und schon gar nicht professionalisieren kann. Der analytischen Technik liegt mehr und anderes zugrunde als eine staatlich zertifizierte Ausbildung oder ein Studium vermitteln könnte. Zu einem wesentlichen Anteil ist sie kunstfertiger Umgang mit der Übertragungsliebe, d.h. mit dem Begehren eines anderen. Charakterveranlagung und Lebenserfahrung machen den Analytiker bzw. die Analytikerin genauso aus wie die Eigenanalyse und das Studium der Schriften Freuds und weiterer Autoren. Mit dem Topos der Laienanalyse und der Abkehr von der Medizin als Basiswissenschaft wollte Freud insofern auch dafür sensibilisieren, dass es in der Analyse weniger um Heilen geht, sondern darum, das unbewusste Wissen aufzunehmen, ohne es in eine falsche Richtung zu drängen.

Lacan bot in seiner Schule die passe an, um die Frage, was Psychoanalytiker legitimiert, an die Kandidaten zurückzuverweisen. Es liege an ihnen, die Verantwortung dafür zu übernehmen, Analysanten zu empfangen. Eine Delegierung dieser Verantwortung auf Institutionen, Ausbildungsregeln und Lehranalytiker lehnte er ab. Anstelle von staatlich garantierten Zertifikaten steht der Laienanalytiker vor der schwierigeren Aufgabe, sich selbst zu autorisieren. MSG

Kommentar schreiben

Kommentare: 1

  • #1

    Karin (Donnerstag, 11 Dezember 2014 17:41)

    http://www.bbpp.de/TEXTE/laienanalyse.htm
    Alles zum Thema Laienanalyse

  • loading
Die Inhalte dieser Webseite gehören WUNDERBLOG I E-Journal für Psychoanalyse. Nutzer von Internetseiten können Ausschnitte dieser Inhalte für ihren persönlichen, nicht-kommerziellen Gebrauch elektronisch kopieren oder ausdrucken. Jede anderweitige Verwendung, einschließlich der Reproduktion, Abänderung, Verbreitung, Weitergabe, erneuten Veröffentlichung, Ausstellung oder Vorführung des Inhalts von Internetseiten ist grundsätzlich verboten.