Mo
06
Okt
2014
Selbstwissen ist kein Freudscher Begriff. Überhaupt kommt dem Wissensbegriff bei Freud keine gesonderte Stellung zu. Das mag verwundern, geht es doch häufig darum, Merkwürdiges und Rätselhaftes zu erklären. Freud möchte also sehr wohl wissen; sein Interesse richtet sich insbesondere auf das Schicksal seiner Patienten, deren neurotische Symptome er in einen erweiterten Sinnzusammenhang zu übertragen bemüht ist, wozu er sie frei assoziieren lässt. Das Wissen, für das sich Freud interessiert, ist demnach das Wissen der Patienten von sich selbst.
Psychoanalyse kann sofern als eine epistemologische Methode der Aneignung von Selbstwissen verstanden werden. Wie keine andere Disziplin ist sie in der Lage, etwas über die
Motive unbewusster Beziehungs- und Handlungsmuster auszusagen; das Wissen von sich selbst erscheint somit als ein Ziel psychoanalytischer Methodik. Andererseits hat Freud bereits früh
eingestanden, dass der Ursprung nicht mehr zu haben sei. Das Begehren zu wissen stößt an Grenzen, wo eingestanden werden muss, dass es mehr Konstruktion als Rekonstruktion ist. Das Wissen der
Psychoanalyse ist daher eher ein prozedurales Wissen.
Selbstwissen ist ein zweischneidiges Schwert. Allerlei Abwehrmechanismen konterkarrieren die Möglichkeit des Selbstwissens, sobald es vom Ich als Einschränkung oder Gefahr wahrgenommen wird. Das Paradoxe am Selbstwissen ist nämlich, dass es nicht zwangsläufig als Bereicherung empfunden wird. Selbstwissen stört häufig den Status quo des Wissens, das ein Individuum von sich selbst besitzt. Es muss ja einen Grund dafür geben, weshalb sich die Frage nach Selbstwissen überhaupt stellt. Wäre es jederzeit verfügbar, müsste man sich keinerlei Gedanken machen, wie es zu erreichen sein könnte.
Kommentar schreiben
Kommentare: 0